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ALLES AUF ENDE


„Das Ende wurde schon oft verkündet, doch es fängt immer wieder an.“
Elfriede Jelinek, Ein Übertritt
Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa durch die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht.
In den Gedächtnissen sowie im kollektiven Gedächtnis der Deutschen – sofern es das letztere gibt – hat dieses Datum eine symbolische Bedeutung entwickelt: als Tag der Befreiung von Nationalsozialismus und Krieg, als Tag der eigenen Niederlage, dem die Besatzung und nicht zuletzt die deutsche Teilung folgte, als Anbruch der sogenannten „Stunde null“, einem historischen Zäsur-Moment, in dem nichts gewiss und alles möglich schien und der am Anfang einer (west-)deutschen Erfolgserzählung vom Wiederaufbau aus den Trümmern steht; als Tag, an dem, vier Jahre später, am 8. Mai 1949, das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verabschiedet wurde.
Kriegsende, Sieg über den Faschismus, ein Ende des Mordens und der „Verheizung“ von Soldaten; narzisstische Kränkung, Verlust der ideologischen Behaustheit, Konfrontation mit den eigenen Taten und Untaten, reeducation ...
Der schwedische Journalist und Schriftsteller Stig Dagerman reiste im Herbst 1946 durch das in weiten Teilen kriegszerstörte Deutschland und hielt seine Eindrücke in Reportagen fest. Dabei widmete er sich unter anderem der Frage, ob die Deutschen für die Demokratie begabt seien und unter welchen Bedingungen ein demokratischer Staat im Westen Deutschlands (den Dagerman bereiste) zu entstehen hatte. Sein 1947 unter dem Titel Deutscher Herbst erstmals erschienenes – und jüngst neu ins Deutsche übertragenes – Buch zählt zu den Quellen, die Elfriede Jelineks Ein Übertritt (alles auf Ende) inspirieren.

Die österreichische Autorin und Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat Ein Übertritt (alles auf Ende) 2025 anlässlich des 80. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs verfasst. Auf Dagerman zurückgreifend, angereichert mit und durchsetzt von unzähligen weiteren Zitaten, Stimmen und zitierten Sprechweisen, spricht darin der 8. Mai 1945, tritt über ins Heute. In ihrem Gedicht, als das Jelinek Ein Übertritt bezeichnet, fließen Assoziationen und Versatzstücke aus Geschichte, Literatur, Philosophie und Gegenwart ineinander, auf die Fragen hin: Was bedeutet uns der 8. Mai 1945 angesichts neuer Kriege in Europa, der neuerlich angestrebten „Kriegstüchtigkeit“ Deutschlands, der sogenannten Zeitenwende? Was bedeutet uns das neuerliche Erstarken rechter, autoritärer, demokratiefeindlicher Kräfte? Was ist Neuigkeit, was Kontinuität? Was ist das deutsche Wesen? Und welche Verwandlungen hat es seit 1945 erfahren?

„Zwischen lodernden Flammen und Trümmerhaufen, zusammengefallenen Häusern und aufstrebenden Toten stehen wir jetzt. Auf ein Neues! Diese neue Zeit, die wir seit neuestem in Besitz genommen haben, schaut ja schon bei ihrer Geburt alt aus, ich bin enttäuscht. Ich wollte was Neues, Schmerzen woanders erleiden, nicht durch Verlust, besser durch grausames Erz, dann erinnern sich viel mehr Leute an einen.“

ARMAGEDDON? JALTA? REIMS?

Das neuerliche Lautwerden von Stimmen, die zum Krieg aufgerufen, für ihn geworben und begeistert haben, die mitgeschrien haben und in den Jubel eingestimmt, durch deren menschenverachtende Ideologie das Morden in Deutschland begonnen hat und legitimiert wurde, und deren Schweigen die deutsche Nachkriegszeit prägt, wird von Jelinek in das Motiv des Zweiten Kommens gefasst. Während in der christlichen Theologie das Zweite Kommen, das am Weltende stattfindet, eingeläutet von Kriegen und Naturkatastrophen, die Wiederkunft Christi meint („Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen“, Matthäus 24, 7-8), spielt Ein Übertritt auf die mögliche Wiederkunft des Einen, des Führers an, der bei denjenigen, die ihm zu folgen bereit sind, eine Leerstelle hinterlassen, „ein Wartezimmer um sich herum geschaffen hat. Wir warten alle, daß der wieder zurückkommt, damit wir voranschreiten können“. Zwar mag der Führer bei seiner Wiederkunft als Parodie seiner selbst auftreten – „Irgendwie kleiner als vor einem Davor, aber dennoch ordentlich vertiert, kommt mir vor“ –, aber über seine Gefährlichkeit täuscht das nicht hinweg. Auch die Wiederkunft eines Tiers ist zu erwarten, des „Unwesen[s], das lange in blutigen Schlachten geruht und nun endlich geruht, hier zu erscheinen“. Mit dem neuerlichen Weltende, dem neuerlichen Führer, kehrt wieder die Bestie Krieg. Schon der irische Dichter William Butler Yeats verwendete das Motiv der apokalyptischen Wiederkunft und der Bestie in seinem Gedicht The Second Coming unter dem Eindruck des gerade vorübergegangenen Ersten Weltkriegs und der Spanischen Grippe für ein nicht länger haltbares Welt- und Gesellschaftsgefüge, und wird von Jelinek im Übertritt zitiert:

“The darkness drops again; but now I know / That twenty centuries of stony sleep / Were vexed to nightmare by a rocking cradle, / And what rough beast, its hour come round at last, / Slouches towards Bethlehem to be born?”
W. B. Yeats

„Und es schleppt sich die böse Bestie Richtung Bethlehem, um endlich geboren zu werden, auf vielfachen Wunsch. Von mir aus hätte sie auch wegbleiben können.“
Elfriede Jelinek

BIN ICH EIN MENSCH, BIN ICH EIN TIER?, EGAL, MEIN FÜHRER, ICH FOLGE DIR!

„Wenn man von Tieren besessen ist“, schreibt Jelinek, „wie ich, muss man sie nicht gleich besitzen und besetzen“. Die Bestie, das Ungeheuer, ist nicht das einzige Tier, das in Ein Übertritt sein Unwesen treibt. Ein entlaufener Hund durchstreift die Seiten und sucht seinen Herrn, welcher „wiederum ihn sucht, damit zusammengeführt wird, was zusammengehört“. Die einmal etablierte Machtstruktur zwischen Führer und Gefolge ist auch mit dem Ableben Hitlers nicht aus der Welt: „Unsere leeren Leinen hängen noch am Führer.“ Und ein philosophischer Argumentationsstrang durchzieht das Gedicht, der versucht, nicht nur das deutsche, sondern zuvor das menschliche Wesen zu bestimmen – welches in Abgrenzung zum Tier definiert werden muss. Vermenschlichung und Vertierung, Hüter, Herr und Hund sind in ständiger Verwirrung, unterliegen Verwandlungen und Verwechslungen: ein Sprachspiel, das entlang der Linien von Macht, Ermächtigung und Machtergreifung verläuft, wobei das von Martin Heidegger entlehnte Vokabular dessen Philosophie parodiert und die Sprache des vermeintlich weltentrückten Geistes – und Nazi-Kollaborateurs – in die Nähe derjenigen rückt, für die das Philosophieren über menschliche und tierische Wesen und deren Hierarchisierung einen Übergang (oder Übertritt) markiert hin dazu, anderen Menschen ihre Menschlichkeit abzusprechen, um ihnen Unmenschliches anzutun.

ZUR INSZENIERUNG

Der Schweizer Regisseur Jossi Wieler, der durch seine Inszenierungen von Wolken.Heim, er nicht als er, Macht nichts, Ulrike Maria Stuart, Rechnitz (Der Würgeengel) und Angabe der Person als maßgeblicher und vielfach ausgezeichneter Jelinek-Interpret hervorgetreten ist, bringt Ein Übertritt in eingespielter Zusammenarbeit mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock zur Uraufführung.

Das Gedicht – von Elfriede Jelinek wie die meisten ihrer jüngeren Theatertexte nicht mit von ihr definierten Rollen geschrieben, sondern als Fließtext oder „Textfläche“ – ist in dieser Inszenierung auf vier Figuren aufgeteilt: Drei von ihnen, Übertreter D., Übertreter O. und Übertreter S., die vor allem die Täter-Sprache aus dem Text verwalten, behausen als Untote oder Wiedergänger einen Zwischen-Ort, einen historischen Warteraum, eine Vorhölle, wo sie Pläne schmieden und ihre nächste Chance, ihr Zweites Kommen erwarten. Hinzu tritt die Gedichterin, die sich diesen, ihren eigenen Untoten stellt: Es entsteht eine Séance, eine Geisteraustreibung, eine Geschichtsstunde als Horrorfilm, ein Was-tun-wenn-die-Bestie-nicht-totzukriegen-ist.

Victor Schlothauer