JEAN AMÉRY

RESSENTIMENTS

Der österreichische Schriftsteller, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und KZ-Überlebende Jean Améry veröffentlichte 1966 die autobiografische Essaysammlung Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten. Der Essay Ressentiments ist der Streifzug eines Unversöhnten durchs Land der Täter.
Manchmal fügt es sich, daß ich sommers durch ein blühendes Land reise. Es ist kaum nötig, von der mustergültigen Sauberkeit seiner großen Stadtsiedlungen, von seinen idyllischen Kleinstädten und Dörfern zu sprechen, hinzuweisen auf die Qualität der Waren, die es dort zu kaufen gibt, auf die mit verläßlicher Tüchtigkeit ausgeführte Handwerksarbeit oder die eindrucksvolle Verbindung von weltläufiger Modernität und träumerischem Geschichtsbewußtsein, die sich allenthalben kundtut. All dies ist längst Legende und gereicht der Welt zum Entzücken.

Man darf flüchtig andeutend darüber hinwegeilen. Auch daß es den Menschen in den Straßen so gut geht, wie ich mir immer gewünscht hatte, daß es ihnen und allen in der Welt gehe, wird in den Statistiken ausgewiesen und gilt seit Jahr und Tag als exemplarisch. Zu sagen bliebe mir allenfalls, daß ich mit den Leuten, die mir auf Autobahnen, in Zügen, Hotelfoyers begegnen und sich hierbei überaus höflich verhalten, nicht viel zu reden weiß und mir darum kein Urteil bilden kann, wie weit und wie tief die offenbare Urbanität geht.

Dann und wann habe ich mit Intellektuellen zu tun: Man kann sie sich nicht wohlerzogener, bescheidener, toleranter wünschen. Auch nicht moderner, und es wird mir jedesmal ganz traumhaft zu Sinne, denke ich daran, wie viele von ihnen, die meiner eigenen Generation angehören, noch gestern auf Blunck und Griese schwuren, denn in den Gesprächen über Adorno oder Saul Bellow oder Nathalie Sarraute ist keine Spur davon zu entdecken.
Das Land, durch das ich gelegentlich reise, gibt der Welt nicht nur das Beispiel wirtschaftlicher Blüte, sondern auch demokratischer Stabilität und politischer Mäßigkeit. Es hat gewisse territoriale Forderungen zu stellen und steht im Kampfe für die Wiedervereinigung mit dem von ihm unnatürlich abgetrennten und unter fremder Gewaltherrschaft leidenden Teil seines Nationalkörpers. Doch verhält es sich in diesen Fragen anerkennenswert diskret; wie sich seit langem erwiesen hat, will sein glückliches Volk nichts wissen von nationalen Demagogen und Agitatoren.
Mir ist nicht wohl in diesem friedlichen, schönen, von tüchtigen und modernen Menschen bewohnten Lande. Warum, das hat man schon erraten: Ich gehöre jener glücklicherweise langsam aussterbenden Spezies von Menschen an, die man übereinkommensgemäß die Naziopfer nennt. Das Volk, von dem ich spreche und das ich hier anrede, zeigt gedämpftes Verständnis für meinen reaktiven Groll. Ich selber aber verstehe diesen Groll nicht ganz, noch nicht – und darum will ich mir in diesem Aufsatz über ihn klar werden.

Ich spreche als Opfer und untersuche meine Ressentiments. Das ist keine vergnügliche Unternehmung, weder für ihn noch für mich, und vielleicht täte ich gut daran, mich einleitend zu entschuldigen für meinen Mangel an Takt, der hierbei leider an den Tag treten wird. Takt ist eine gute und wichtige Sache, bloßer anerzogener Takt des äußerlich-alltäglichen Verhaltens sowie auch Herzens- und Geistestakt. Wie wichtig er aber auch sei, er taugt nicht für die radikale Analyse, um die wir uns hier gemeinsam bemühen, und darum werde ich von ihm absehen müssen, auf die Gefahr hin, schlechte Figur zu machen. Mag sein, daß viele von uns Opfern das Taktgefühl überhaupt verloren haben. Emigration, Widerstand, Gefängnis, Folter, KZ-Haft – das ist keine Entschuldigung für Verwerfung des Taktes, soll auch keine sein. Aber es ist eine zureichende kausale Erklärung.

Meine Aufgabe wäre leichter, wollte ich das Problem abdrängen in den Bereich der politischen Polemik. Da könnte ich mich wohl auf die Bücher von Kempner, Reitlinger, Hannah Arendt berufen und ohne weitere geistige Mühe zu einer ziemlich einleuchtenden Schlußfolgerung gelangen. Ressentiments, so würde sich dann ergeben, sind in den Opfern lebendig, weil auf der öffentlichen Szene Westdeutschlands immer noch Persönlichkeiten agieren, die den Peinigern nahestanden, weil trotz der Verlängerung der Verjährungsfrist für Schwer-Kriegsverbrechen die Verbrecher eine gute Chance haben, in Ehren alt zu werden und uns – triumphierend, dafür bürgt ihre Aktivität in ihren großen Tagen – zu überdauern. Was aber wäre mit solcher Polemik gewonnen? So gut wie nichts. Die Sache der Gerechtigkeit wurde von ehrenhaften Deutschen in unserem Namen geführt, besser, nachdrücklicher, auch vernunftvoller, als wir selbst es zu tun vermöchten. Mir aber geht es gar nicht um eine in diesem geschichtlichen Einzelfall ohnehin nur hypothetische Gerechtigkeit. Was mir anliegt, das ist die Beschreibung der subjektiven Verfassung des Opfers. Was ich beitragen kann, ist die aus Introspektion gewonnene Analyse der Ressentiments. Was ich mir aufgebe, ist die Justifizierung eines gleichermaßen von Moralisten wie Psychologen abgeurteilten seelischen Befindens: jenen gilt es als Makel, diesen als eine Art Krankheit. Ich muß mich zu ihm bekennen, den sozialen Makel tragen und die Krankheit als integrierenden Teil meiner Persönlichkeit erst auf mich nehmen, dann legitimieren. Es ist ein denkbar undankbares Bekenntnisgeschäft, und es unterwirft zudem meine Leser einer ungewohnten Geduldsprobe.
Die Ressentiments als existentielle Dominante von meinesgleichen sind das Ergebnis einer langen persönlichen und historischen Entwicklung. Sie waren noch keineswegs manifest an dem Tage, da ich aus dem letzten meiner Konzentrationslager, Bergen-Belsen, heimkehrte nach Brüssel, wo ich aber keine Heimat hatte. Wir Auferstandenen sahen alle ungefähr so aus, wie die in Archiven aufbewahrten Fotos aus den April- und Maitagen von 1945 uns zeigen: Skelette, die man belebt hatte mit angloamerikanischen Cornedbeef-Konserven, kahlgeschorene, zahnlose Gespenster, gerade noch brauchbar, geschwind Zeugnis abzulegen und sich dann dorthin davonzumachen, wohin sie eigentlich gehörten. Aber wir waren „Helden“, sofern wir nämlich den über unsere Straßen gespannten Spruchbändern glauben durften, auf denen zu lesen stand: Gloire aux Prisonniers Politiques! Nur verwelkten die Bänder schnell. Immerhin hielt geraume Zeit vor, was für mich eine völlig unerhörte sozialmoralische Stellung bedeutete und was mich nicht wenig berauschte: Ich war, als der ich war – überlebender Widerstandskämpfer, Jude, Verfolgter eines den Völkern verhaßten Regimes –, im wechselseitigen Einverständnis mit der Welt. Die mich gepeinigt und zur Wanze gemacht hatten wie einst dunkle Mächte den Protagonisten von Kafkas Verwandlung – sie waren selbst der Abscheu des Siegerlagers. Nicht nur der Nationalsozialismus – Deutschland war Gegenstand eines allgemeinen Gefühls, das vor unseren Augen aus Haß zu Verachtung erstarrte. Nie wieder würde dieses Land, wie man damals sagte, „den Weltfrieden gefährden“. Mochte es leben, aber nicht mehr als das. Mochte es als Kartoffelacker Europas diesem Kontinent mit seinem Fleiß dienen, doch mit nichts anderem als ihm. Man sprach viel von der Kollektivschuld der Deutschen. Es wäre glatte Wahrheitsbeugung, gestände ich hier nicht ohne alle Bemäntelung ein, daß es mir recht war so. Mir schien, ich hätte die Untaten als kollektive erfahren: Vor dem braungewandeten NS-Amtswalter mit Hakenkreuzbinde hatte ich auch nicht mehr Angst gehabt als vor dem schlichten feldgrauen Landser. Auch wurde ich den Anblick der Deutschen auf einem kleinen Bahnsteig nicht los, wo man aus den Viehwaggons unseres Deportationszuges die Leichen ausgeladen und aufgeschichtet hatte, ohne daß ich auch nur auf einem der steinernen Gesichter den Ausdruck des Abscheus hätte lesen können. Das kollektive Verbrechen und die kollektive Sühne mochten sich die Waage halten und das Gleichgewicht der Weltsittlichkeit herstellen.

Zur Bildung von Ressentiments bestand kein Anlaß, kaum eine rechte Möglichkeit. Vom Mitleid mit einem Volk, das für mich mit der Kollektivschuld beladen war, wollte ich freilich auch nichts hören. Die in dieser Stunde bereits von Vergebens- und Versöhnungspathos vibrierenden Juden waren mir fast so unangenehm wie jene anderen, die es gar nicht erwarten konnten, aus den USA, aus England oder Frankreich nach Deutschland, West oder Ost, zu eilen, um dort als sogenannte Umerzieher die Praeceptores Germaniae zu spielen. Ich war, zum erstenmal in meinem Leben, gestimmt wie die um mich ertönende öffentliche Meinung. Es war mir friedlich wohl in der so ganz und gar ungewohnten Rolle des Konformisten. Das Kartoffelacker- und Ruinen-Deutschland war für mich eine versunkene Weltregion.
Ich vermied es, seine, meine Sprache zu sprechen, und wählte ein Pseudonym romanischer Resonanz. Was die politische Weltuhr wirklich geschlagen hatte, das wußte ich freilich nicht. Denn während ich mich der Überwinder meiner Peiniger von gestern dünkte, waren die wirklichen Sieger schon daran, für die Unterlegenen Pläne auszuarbeiten, die nichts, aber schon gar nichts mehr mit Kartoffeläckern zu tun hatten. Im Augenblick, da ich mir einbildete, ich hätte endlich durch mein erlittenes Schicksal die Weltmeinung eingeholt, war diese schon im Begriff, sich selbst zu überschreiten. Ich wähnte mich mitten in der Wirklichkeit der Zeit und war schon zurückgeworfen auf eine Illusion.

Zum erstenmal stutzte ich 1948 bei der Durchfahrt durch Deutschland im Eisenbahnzug. Ein Zeitungsblatt der amerikanischen Besatzungsmacht fiel mir da in die Hand, und ich überflog einen Leserbrief, in dem es anonym an die Adresse der GI’s hieß: „Macht euch nur nicht so dicke bei uns. Deutschland wird wieder groß und mächtig werden. Schnürt euer Ränzlein, ihr Gauner.“ Der offenbar, teils von Goebbels, teils von Eichendorff inspirierte Briefschreiber konnte damals so wenig wie ich selbst ahnen, daß es diesem Deutschland in der Tat bestimmt war, großartigste Macht-Wiederauferstehung zu feiern, dies jedoch nicht gegen die khakifarbenen transatlantischen Soldaten, sondern mit ihnen. Ich stutzte nur, weil es so einen Korrespondenten überhaupt gab und weil ich eine deutsche Stimme vernahm, die anders klang als ich meinte, daß ihr auf lange Zeit hin zu klingen auferlegt sei: nach Zerknirschung. Von Zerknirschung war dann in den kommenden Jahren immer weniger die Rede. Der Paria Deutschland wurde erst aufgenommen in die Gemeinschaft der Völker, danach hofierte man ihn, schließlich mußte man ganz emotionsfrei im Mächtespiel mit ihm rechnen.

Man kann billigerweise von niemandem verlangen, daß er unter diesen Umständen – Umständen eines beispiellosen wirtschaftlichen, industriellen, auch militärischen Aufstiegs – sich weiter die Haare raufe und an die Brust schlage. Die Deutschen, die sich selbst durchaus als Opfervolk verstanden, da sie doch nicht nur die Winter vor Leningrad und Stalingrad hatten überstehen müssen, nicht nur die Bombardements ihrer Städte, nicht nur das Urteil von Nürnberg, sondern auch die Zerstückelung ihres Landes –, sie waren allzu begreiflicherweise nicht geneigt, mehr zu tun, als auf ihre Art die Vergangenheit des Dritten Reiches, wie es damals hieß: zu bewältigen. In diesen Tagen, da die Deutschen gleichzeitig für ihre Industrieprodukte die Weltmärkte eroberten und daheim nicht ohne eine gewisse Ausgeglichenheit mit der Bewältigung befaßt waren, verdichteten sich unsere – oder vielleicht darf ich zurückhaltend nur sagen: meine – Ressentiments.
Auf dem Bild: Katja Bürkle, Ole Lagerpusch
Foto: Matthias Horn
Ich war Zeuge, wie die deutschen Politiker, von denen sich, wenn ich recht unterrichtet war, nur wenige im Widerstandskampf ausgezeichnet hatten, eiligst und enthusiastisch den Anschluß an Europa suchten: Sie knüpften mühelos das neue an jenes andere Europa, dessen Neuordnung Hitler in seinem Sinne bereits zwischen 1940 und 1944 erfolgreich begonnen hatte. Es war auf einmal guter Boden für die Ressentiments, da brauchten nicht erst in deutschen Kleinstädten jüdische Friedhöfe und Mahnmäler für Widerstandskämpfer geschändet werden. Es genügten Gespräche wie eines, das ich mit einem süddeutschen Kaufmann 1958 beim Frühstück im Hotel geführt hatte. Der Mann versuchte mich, nicht ohne vorherige höfliche Erkundigung, ob ich Israelit sei, zu überzeugen, daß es Rassenhaß in seinem Lande nicht mehr gebe. Das deutsche Volk trage dem jüdischen nichts nach; als Beweis nannte er die großzügige Wiedergutmachungspolitik der Regierung, wie sie übrigens auch von dem jungen Staat Israel voll gewürdigt werde.
Die wir geglaubt hatten, der Sieg von 1945 sei wenigstens zu einem geringen Teil auch unserer gewesen, wurden genötigt, ihn zurückzunehmen. Die Deutschen trugen den Widerstandskämpfern und Juden nichts mehr nach. Wie durften diese da noch Sühneforderungen stellen? Jüdischbürtige Männer zeigten sich auch sehr beflissen, ihre deutschen Zeitgenossen und Mitmenschen zu beruhigen: Nur ganz verstockter, moralisch verdammenswerter und geschichtlich schon abgeurteilter Haß klammere sich an eine Vergangenheit, die offensichtlich nichts anderes war als ein Betriebsunfall der deutschen Geschichte und an der das deutsche Volk in seiner Breite und Tiefe keinen Anteil hatte.

Ich selber aber, zu meiner Seelennot, gehörte zur mißbilligten Minderheit derer, die da nachtrugen. Hartnäckig trug ich Deutschland seine zwölf Jahre Hitler nach, trug sie hinein in das industrielle Idyll des neuen Europas und die majestätischen Hallen des Abendlandes. Ich „fiel auf“, wie einst im Lager durch schlechte Haltung beim Appell, den versöhnungsschwärmenden Kampf- und Leidensgenossen von gestern nicht weniger als den soeben zur Duldsamkeit bekehrten Widersachern. Ich hegte meine Ressentiments.

Mißtrauisch auskultiere ich mich: Es könnte ja sein, daß ich krank bin, denn objektive Wissenschaftlichkeit hat aus der Beobachtung von uns Opfern in schöner Detachiertheit bereits den Begriff des „KZ-Syndroms“ gewonnen. Wir alle seien, so lese ich in einem kürzlich erschienenen Buch über „Spätschäden nach politischer Verfolgung“, nicht nur körperlich, sondern auch psychisch versehrt. Die Charakterzüge, die unsere Persönlichkeit ausmachen, seien verzerrt. Nervöse Ruhelosigkeit, feindseliger Rückzug auf das eigene Ich seien die Kennzeichen unseres Krankheitsbildes. Wir sind, so heißt es, „verbogen“. Das läßt mich flüchtig an meine unter der Folter hinterm Rücken hochgedrehten Arme denken. Das stellt mir aber auch die Aufgabe, unsere Verbogenheit neu zu definieren: und zwar als eine sowohl moralisch als auch geschichtlich der gesunden Geradheit gegenüber ranghöhere Form des Menschlichen.

Dabei gilt es Wachsamkeit. Das verführerische, tröstende Selbstmitleid könnte locken. Man mag mir aber glauben, daß ich mich mühelos davor bewahre, denn wir alle haben uns in den Kerkern und Lagern des Dritten Reiches unserer Wehrlosigkeit und vollkommenen Hinfälligkeit wegen eher verachtet als beweint; die Versuchung zur Selbstverwerfung hat sich in uns ebenso erhalten wie die Immunität gegen Selbstmitleid. Wir glauben nicht an Tränen.
Es ist meinem Nachdenken nicht unentdeckt geblieben, daß das Ressentiment nicht nur ein widernatürlicher, sondern auch ein logisch widersprüchlicher Zustand ist. Es nagelt jeden von uns fest ans Kreuz seiner zerstörten Vergangenheit.
Absurd fordert es, das Irreversible solle umgekehrt, das Ereignis unereignet gemacht werden. Das Ressentiment blockiert den Ausgang in die eigentlich menschliche Dimension, die Zukunft. Ich weiß, das Zeitgefühl des im Ressentiment Gefangenen ist verdreht, verrückt, wenn man will, denn es verlangt nach dem zweifach Unmöglichen, dem Rückgang ins Abgelebte und der Aufhebung dessen, was geschah.
Jedenfalls kann aus diesem Grunde der Mensch des Ressentiments nicht einstimmen in den unisono rundum erhobenen Friedensruf, der da aufgeräumt vorschlägt: Nicht rückwärts laßt uns schauen, sondern vorwärts, in eine bessere, gemeinsame Zukunft!
Der frisch ungetrübte Blick ins Zukommende fällt mir um genau soviel zu schwer, wie die Verfolger von gestern ihn sich zu leicht machen.
Es ist dahin gekommen, daß man sich verteidigen muß, wenn man solche Überlegungen anstellt. Ich weiß, man wird mir einwenden, was ich da vorbringe, sei nur die Einkleidung in schöne oder auch unschöne, jedenfalls anspruchsvolle Worte eines von fortgeschrittener Sittlichkeit glücklich überwundenen barbarisch-primitiven Racheverlangens. Mann des Ressentiments, der ich eingestandenermaßen sei, lebte ich wohl im blutigen Wahn, ich könne für das Erlittene entschädigt werden durch die von der Gesellschaft mir gewährte Freiheit, meinerseits Leid zuzufügen. Der Ochsenziemer habe mir Platzwunden geschlagen: Dafür wolle ich, wenn ich schon nicht zu fordern wage, daß der wehrlos gewordene Schläger nun meiner eigenen peitschenbewehrten Hand ausgeliefert sei, zumindest die schnöde Genugtuung haben, den Feind in der Kerkerzelle zu wissen; damit wähnte ich die Kontradiktion meines wahnhaft verdrehten Zeitgefühls ausgelöscht.

Den solcherart vereinfachenden Vorwurf abzuwehren ist nicht leicht, und gänzlich unmöglich wird mir die Entkräftung des Verdachtes, ich ertränke die häßliche Realität eines bösartigen Instinktes im Wortschwall einer unverifizierbaren These. Das Risiko ist einzugehen. Wenn ich zu meinen Ressentiments stehe, wenn ich einräume, daß ich beim Durchdenken unseres Problems „befangen“ bin, so weiß ich doch, daß ich der Gefangene bin der moralischen Wahrheit des Konflikts. Die Forderung nach Objektivität erscheint mir bei der Auseinandersetzung mit meinen Peinigern, mit jenen, die ihnen halfen, den anderen, die nur dazu schwiegen, als logisch sinnlos. Es hat die Untat als Untat keinen objektiven Charakter. Massenmord, Folter, Versehrung jeder Art sind objektiv nichts als Ketten physikalischer Ereignisse, beschreibbar in der formalisierten Sprache der Naturwissenschaft: Es sind Tatsachen innerhalb eines physikalischen, nicht Taten innerhalb eines moralischen Systems. Es hatten die Verbrechen des Nationalsozialismus auch für den Täter, der sich allerwegen dem Normsystem seines Führers und seines Reiches anheimgab, keine moralische Qualität. Der Untäter, der nicht durch sein Gewissen an seine Handlung gekettet ist, kennt sie von sich aus nur als Objektivation seines Willens, nicht als moralisches Ereignis. Der von seinen deutschen Herren angefeuerte flämische SS-Mann Wajs, der mich mit dem Schaufelstiel auf den Kopf schlug, wenn ich nicht schnell genug schippte, empfand das Werkzeug als die Fortsetzung seiner Hand und die Prügel als Wellenschläge seiner psychophysischen Dynamik. Die moralische Wahrheit der mir noch heute im Schädel dröhnenden Hiebe besaß und besitze ich nur selber und bin darum in höherem Maße urteilsbefugt, nicht nur als der Täter, sondern auch als die nur an ihren Bestand denkende Gesellschaft. Die Sozietät ist befaßt nur mit ihrer Sicherung und schert sich nicht um das beschädigte Leben:
Sie blickt vorwärts, im günstigsten Fall, auf daß dergleichen sich nicht wieder ereigne. Meine Ressentiments aber sind da, damit das Verbrechen moralische Realität werde für den Verbrecher, damit er hineingerissen sei in die Wahrheit seiner Untat.

Wajs aus Antwerpen war nur einer aus einer Unzahl. Die umgekehrte Pyramide bohrt mich mit ihrer Spitze noch immer in den Boden, daher die Ressentiments besonderer Art. Daher meine geringe Neigung zur Versöhnlichkeit, präziser: die Überzeugung, daß lautbekundete Versöhnungsbereitschaft von Naziopfern nur entweder Stumpffühligkeit und Lebensindifferenz sein kann oder masochistische Konversion einer verdrängten echten Racheforderung. Wer seine Individualität aufgehen läßt in der Gesellschaft und sich nur als Funktion des Sozialen verstehen kann, der Stumpffühlige und Indifferente also, vergibt in der Tat. Er läßt das Geschehene gelassen sein, was es war. Er läßt, wie das Volk sagt, die Zeit seine Wunden heilen. Sein Zeitgefühl ist nicht ver-rückt, will sagen: nicht herausgerückt aus dem biologisch-sozialen Bereich in den moralischen. Entindividualisierter, austauschbarer Teil des Gesellschaftsmechanismus, lebt er mit diesem im Einverständnis und verhält sich, vergebend, so wie der französische Strafverteidiger Maurice Garçon im Zusammenhang mit der Verjährungsdebatte die soziale Reaktion auf das Verbrechen beschrieben hat. „Schon das Kind“, belehrt uns der Maître, „dem man eine vergangene Gehorsamsverletzung vorhält, antwortet: Aber das ist ja schon lange vorbei. Das Lange-Schon-Vorbeisein erscheint ihm auf natürlichste Art als Entschuldigung. Und auch wir sehen in der Entfernung durch die Zeit das Prinzip der Verjährung. Das Verbrechen verursacht Unruhe in der Gesellschaft; sobald aber das öffentliche Bewußtsein die Erinnerung an das Verbrechen verliert, verschwindet auch die Unruhe. Die vom Verbrechen zeitlich weit entfernte Strafe wird sinnlos.“ Dies ist richtig bis zur binsenwahren Offenbarkeit, sofern es sich um die Gesellschaft handelt, beziehungsweise um das Individuum, das sich selbst moralisch vergesellschaftet und sich auflöst im Konsensus. Es ist ohne jede Relevanz für den sich moralisch als einzigartig begreifenden Menschen.

In zwei Jahrzehnten Nachdenkens dessen, was mir widerfuhr, glaube ich erkannt zu haben, daß ein durch sozialen Druck bewirktes Vergeben und Vergessen unmoralisch ist. Der faul und wohlfeil Vergebende unterwirft sich dem sozialen und biologischen Zeitgefühl, das man auch das „natürliche“ nennt.
Natürliches Zeitbewußtsein wurzelt tatsächlich im physiologischen Prozeß der Wundheilung und ging ein in die gesellschaftliche Realitätsvorstellung. Es hat aber gerade aus diesem Grunde nicht nur außer-, sondern widermoralischen Charakter. Recht und Vorrecht des Menschen ist es, daß er sich nicht einverstanden erklärt mit jedem natürlichen Geschehen, also auch nicht mit dem biologischen Zuwachsen der Zeit. Was geschah, geschah: der Satz ist ebenso wahr wie er moral- und geistfeindlich ist. Sittliche Widerstandskraft enthält den Protest, die Revolte gegen das Wirkliche, das nur vernünftig ist, solange es moralisch ist. Der sittliche Mensch fordert Aufhebung der Zeit – im besonderen, hier zur Rede stehenden Fall: durch Festnagelung des Untäters an seine Untat.
Kollektivschuld. Das ist natürlich blanker Unsinn, sofern es impliziert, die Gemeinschaft der Deutschen habe ein gemeinsames Bewußtsein, einen gemeinsamen Willen, eine gemeinsame Handlungsinitiative besessen und sei darin schuldhaft geworden. Es ist aber eine brauchbare Hypothese, wenn man nichts anderes darunter versteht als die objektiv manifest gewordene Summe individuellen Schuldverhaltens. Dann wird aus der Schuld jeweils einzelner Deutscher – Tatschuld, Unterlassungsschuld, Redeschuld, Schweigeschuld – die Gesamtschuld eines Volkes. Der Begriff der Kollektivschuld ist vor seiner Anwendung zu entmythisieren und zu entmystifizieren. So verliert er den dunklen, schicksalhaften Klang und wird zu dem, als das er allein zu etwas nütze ist: zu einer vagen statistischen Aussage.

Vage statistisch, sage ich, denn es fehlen präzise Angaben, und niemand kann feststellen, wieviele Deutsche die Verbrechen des Nationalsozialismus erkannten, billigten, selbst begingen oder in ohnmächtigem Widerwillen in ihrem Namen durchgehen ließen. Doch hat von uns Opfern jeder seine eigene, wenn auch nur approximative und ziffernmäßig nicht ausdrückbare statistische Erfahrung gemacht, denn wir lebten ja – in der Illegalität unter deutscher Besatzung im Ausland, in Deutschland selber, arbeitend in Fabriken oder gefangen in Kerkern und Lagern – in den entscheidenden Jahren mitten im deutschen Volke. Darum durfte und darf ich sagen, es seien mir die Verbrechen des Regimes als kollektive Taten des Volkes bewußt geworden. Jene, die im Dritten Reich aus dem Dritten Reich ausgebrochen waren, sei es auch nur schweigend, durch einen bösen Blick nach dem SS-Rapportführer Rakers, durch ein mitleidiges Lächeln für uns, durch ein schambezeugendes Niederschlagen der Augen – sie waren nicht zahlreich genug, in meiner ziffernlosen Statistik den rettenden Ausschlag zu geben.

Ich habe nichts vergessen, auch die paar Tapfern nicht, denen ich begegnete. Sie sind mit mir: der invalide Soldat Herbert Karp aus Danzig, der in Auschwitz-Monowitz seine letzte Zigarette mit mir teilte; Willy Schneider, katholischer Arbeiter aus Essen, der mich mit dem schon vergessenen Vornamen ansprach und mir Brot gab, der Chemiemeister Matthäus, der mir am 6. Juni 1944 mit gequältem Seufzer sagte: „Jetzt sind sie endlich gelandet! Aber werden wir beide durchhalten bis sie endgültig gesiegt haben?“ Ich habe manchen guten Kameraden. Da war der Münchener Wehrmachtsoldat, der mir nach der Folterung in Breendonk eine brennende Zigarette durchs Gitter in die Zelle warf. Da war der ritterliche baltische Ingenieur Eisner, der mir namentlich nicht mehr bekannte Grazer Techniker, der mich in Buchenwald-Dora vor dem Untergang in einem Kabelkommando bewahrte. Manchmal gräme ich mich um ihr Schicksal, das vielleicht, wahrscheinlich kein gutes war.

Es ist nicht die Schuld der guten Kameraden, noch ist es die meine, daß ihr Gewicht zu gering ist, sobald sie nicht mehr in ihrer Einzigkeit vor mir stehen, sondern inmitten ihres Volkes. Die braven Männer, die ich so gerne gerettet hätte, sind schon ertrunken in der Masse der Gleichgültigen, der Hämischen und Schnöden, der Megären, alten fetten und jungen hübschen, der Autoritätsberauschten, die da glaubten, mit unseresgleichen anders als grob befehlend zu reden sei nicht nur ein Verbrechen gegen den Staat, sondern gegen ihr eigenes Ich. Die vielzuvielen waren keine SS-Männer, sondern Arbeiter, Kartothekführer, Techniker, Tippfräuleins – und nur eine Minderheit unter ihnen trug das Parteiabzeichen.
Sie waren, nehmt alles nur in allem, für mich das deutsche Volk.

Was um sie und mit uns geschah, das wußten sie genau, denn sie schmeckten wie wir den Brandgeruch vom nahen Vernichtungslager, und manche trugen Kleider, die man erst gestern an den Selektionsrampen den ankommenden Opfern abgenommen hatte. Ein wackerer Arbeiter, der Montagemeister Pfeiffer, zeigte sich mir einmal stolz in einem Wintermantel, einem „Judenmantel“, wie er sagte, den er in seiner Tüchtigkeit sich hatte verschaffen können. Sie fanden, es sei alles in rechter Ordnung und sie hätten, des bin ich bis zur Erstarrung gewiß, für Hitler und seine Komplizen gestimmt, wären sie damals, 1943, an Wahlurnen getreten. Arbeiter, Kleinbürger, Akademiker, Bayern, Saarländer, Sachsen: da war kein Unterschied. Das Opfer mußte, es wollte dies oder nicht, glauben, daß Hitler wirklich das deutsche Volk sei.
Ich bin belastet mit der Kollektivschuld, sage ich. Die Welt, die vergibt und vergißt, hat mich verurteilt, nicht jene, die mordeten oder den Mord geschehen ließen. Ich und meinesgleichen sind die Shylocks, den Völkern nicht nur moralisch verdammenswert, sondern auch schon geprellt um das Pfund Fleisch. Die Zeit tat ihr Werk. In aller Stille. Die Generation der Vernichter, der Gaskammernkonstrukteure, der jederzeit zu jeder Unterschrift bereiten, ihrem Führer verpflichteten Feldherrn wird in Würden alt. Die Jungen aber anzuklagen wäre gar zu unmenschlich und nach Allgemeinbegriffen auch geschichtswidrig. Was sollte denn ein zwanzigjähriger Student, aufgewachsen im windstillen Klima einer neuen deutschen Demokratie, zu schaffen haben mit den Taten seiner Väter und Großväter? Nur gestockter alttestamentarisch barbarischer Haß könnte seine Last dahertragen und sie schuldloser deutscher Jugend auf die Schultern wälzen wollen. Teile der Jugend, nicht alle, glücklicherweise, protestieren denn auch mit dem guten Rechtsbewußtsein derer, die auf dem soliden Boden des natürlichen Zeitgefühls stehen. In einer deutschen Wochenschrift lese ich die Zuschrift eines offensichtlich jungen Mannes aus Kassel, der den Unmut der neuen deutschen Generationen über die schlechten, weil in jedem Bezuge unzeitgemäßen Hasser und Ressentimentgeladenen beredt ausdrückt. Da heißt es:

„... schließlich sind wir es leid, immer wieder zu hören, daß unsere Väter sechs Millionen Juden umgebracht haben. Wie viele unschuldige Frauen und Kinder haben die Amerikaner mit ihren Bombenwürfen ermordet, wie viele Buren die Engländer im Burenkrieg?“ Der Protest tritt mit dem moralischen Nachdruck eines, der seiner Sache sicher ist, vor uns hin. Kaum wagt man gegen ihn noch einzuwenden, daß die Gleichung „Auschwitz-Burenlager“ falsche moralische Mathematik ist. Denn die ganze Welt versteht ja der jungen Deutschen Entrüstung über die grollenden Haßpropheten und stellt sich entschlossen an die Seite derer, denen die Zukunft gehört. Zukunft ist offenbar ein Wertbegriff: Was morgen sein wird, ist mehr wert als das, was gestern war. So will es natürliches Zeitempfinden.
Wenn ich mich selbst frage, ob ich der deutschen Jugend nachtrage, was die ältere Generation mir zufügte, finde ich die Antwort nicht ganz so leicht. Daß die Jungen frei sind von individueller und die individuelle zur kollektiven aufsummierter Schuld, ist einsichtig. Ich muß und will ihr den Vertrauenskredit einräumen, der dem vorwärtslebenden Menschen zukommt.
Nur kann man allenfalls von dieser Jugend verlangen, das sie ihre Unschuld nicht gar so frisch und keck in Anspruch nehme wie der oben zitierte Briefschreiber. Solange nämlich das deutsche Volk einschließlich seiner jungen und jüngsten Jahrgänge sich nicht entschließt, ganz und gar geschichtsfrei zu leben – und kein Anzeichen deutet darauf hin, daß die am tiefsten geschichtsbewußte Nationalgemeinschaft der Welt plötzlich eine solche Haltung einnähme –, solange muß es die Verantwortung tragen für jene zwölf Jahre, die es ja nicht selber endigte. Die deutsche Jugend kann sich nicht auf Goethe, Mörike, den Freiherrn vom Stein berufen und Blunck, Wilhelm Schäfer, Heinrich Himmler ausklammern. Es geht nicht an, nationale Tradition dort für sich zu reklamieren, wo sie eine ehrenhafte war, und sie zu verleugnen, wo sie als die verkörperte Ehrvergessenheit einen wahrscheinlich imaginären und gewiß wehrlosen Gegner aus der Menschengemeinschaft ausstieß. Wenn deutsch sein heißt, der Nachkomme des Matthias Claudius sein, dann meint es doch wohl auch, daß man den NS-Parteilyriker Hermann Claudius in der Ahnenreihe hat. Das wußte Thomas Mann, als er in seinem Aufsatz Deutschland und die Deutschen schrieb: „Es ist für einen deutschgeborenen Geist unmöglich, zu erklären: Ich bin das gute, gerechte, edle Deutschland im weißen Kleid ... nichts von dem, was ich Ihnen über Deutschland sagte, kam aus fremdem, kühlem, unbeteiligtem Wissen; ich habe es auch in mir, ich habe alles am eigenen Leibe erfahren.“

Die Ausgabe des Essaybandes, aus dem ich zitiere, nennt sich Schulausgabe moderner Autoren. Ich weiß nicht, ob die Aufsätze Thomas Manns tatsächlich in deutschen Schulen gelesen und wie sie von den Lehrern kommentiert werden.
Ich kann nur hoffen, daß deutscher Jugend die Anknüpfung an Thomas Mann nicht allzu schwer fällt und daß die Mehrzahl der jungen Menschen sich nicht teilt in die Entrüstung des oben angeführten Briefschreibers. Wiederholt sei: Zur deutschen Geschichte und deutschen Tradition gehören fürderhin auch Hitler und seine Taten.
Quelle: Jean Améry: Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten. Klett-Cotta, Stuttgart 1977.