DYLAN THOMAS

GEDICHTE

Erstaunlich viele sprachliche Bilder und Formulierungen in Ein Übertritt zitieren das lyrische Werk des walisischen Dichters und Schriftstellers Dylan Thomas (1914 bis 1953). Sein 1946 erschienener Gedichtband Deaths and Entrances ist von der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs, insbesondere der Bombardierung Londons, aus britischer Perspektive geprägt – jedoch ist unter den zitierten Gedichten auch „pure Poesie“, die erst durch Jelineks Neu-Kontextualisierung beim Zitieren eine unheimliche zweite Bedeutung erhält.

BEVOR DAS GAS VERLISCHT

Bevor das Gas mit letztem scharfem Zischen verlischt
Und Stöbern am Haken nicht einen Groschen bringt,
Vor der letzten Kippe, Hemdsärmeln und Hausschuhen,
Wird die Zeitenfalle um deine Mitte zuschnappen,
Bevor der Schrebergarten gejätet und besät,
Und das Werg gezupft, und die Frühlingsbäume ergrünt,
Und der Staat in Stücke bricht,
Und den Katzen zum Fraß vorgeworfen wird,
Bevor Kultur erblüht und verrottet,
(Alles eine Frage von Mumm,
Maloche, Lug und Trug,
Flennerei, verdrehter Vernunft,
Der Wendemäntel von dickem Geld und hohen Tieren,)
Sind die Kiefer zugeschnappt, haben Leben abgestellt.
Vor Ankunft von Engel oder Teufel,
Vor Böse oder Gut, Licht oder Dunkel,
Vor Weiß oder Schwarz, der rechten oder linken Socke,
Vor Glück oder Unglück.

Des Menschen menschengemachte Muße hält vier Jahreszeiten,
Ist leer im Frühling, und nichts mehr schmälert
Die bittere, die böse, die langliegende Langeweile,
Schlaf durchbohrt von Wachen, Träume
Gebrochen von Würgen,
Vom Lebenshunger, Gasherd und Gewehr,
Die, aufgedreht und angelegt im Zorn,
Den Hunger zu leben,
Wenn der Beutel leer ist
Und der Bauch leer ist,
Noch unerträglich stärker machen.
Die Zeitenfalle wird für immer zuschnappen,
Um dich, Fleisch stirbt ab, und Blut
Läuft die Gossen der Welt hinunter,
Bevor die Welt sich beruhigt, nicht mehr wankt, ruhig ist,
Oder wankt, schwankt und wankt, bevor die Welt torkelt.

Gefangen in der Fallentechnik, Lichter aus,
Mit leeren Augen, und Herzen, die nicht schlagen,
Siehst du Ruhe oder Fallen nicht
Und unter schweren Schichten der Nacht
Weder schwarz oder weiß noch links oder rechts.

ES GAB EINEN ERLÖSER

Es gab einen Erlöser
Rarer als Radium
Schlichter als Wasser grausamer als Wahrheit;
Kinder die die Sonne nicht kannten
Versammelten sich vor seiner Zunge
Um den goldenen Ton in der Kerbe kreisen zu hören,
Gefangene der Wünsche schlossen ihre Augen ein
In die Kerker und Zellen seines schlüssellosen Lächelns.

Die Stimme der Kinder sagt,
Aus verlorener Wüste
Sei Ruhe zu finden in seiner sicheren Unrast;
Wenn der störende Mensch
Tier, Vogel oder Mensch kränkte,
Bargen wir unsere Ängste in dem mörderischen Odem –
Stille – still zu sein, wenn die Erde laut wurde
In den Lagern und Asylen dieses furchtbaren Rufs.

Man hörte den Jubel
In den Kirchen seiner Tränen,
Unter seinem flaumigen Arm seufztest du wenn er schlug,
O du der nicht schluchzen konnte bis zum Grund
Wenn ein Mensch starb
Warfst vor Freude eine Träne in die mörderische Flut
Und legtest die Wange an eine wolkige Muschel:
Hier im Dunkel gibt es nur dich und mich.

Zwei stolze geschwärzte Brüder weinen
Winterverschlossen Seite an Seite
Über dies unwirtliche hohle Jahr,
O wir die nicht einmal leise
Seufzen konnten wenn wir hörten
Wie Gier unseren Nächsten schlug und Feuer sich uns benachbarte,
Sondern jammerten und nisteten in der himmelblauen Mauer,
Brechen jetzt aus in eine riesige Träne um den verborgenen Untergang

Um die stürzenden Häuser
Die uns nicht großzogen
Um die mutigen Tode Einsamer nie Gefundener,
Sehen jetzt allein in uns
Unseres eigenen wahren Fremdlings Staub
Wehn durch die Türen unseres unbetretenen Hauses.
Verbannt in uns erlösten wir die weiche
Offene armlose seidene und herbe Liebe die Felsen bricht.

MESSE NACH EINEM FEUERSTURM

I

Mein Innerstes
Die Klageweiber
Betrauern
In der Straße zu unermüdlichem Tod verbrannt
Ein Kind von wenigen Stunden
Mit seinem knetenden Mund
Verkohlt an der schwarzen Brust des Grabes
Das die Mutter grub und die Arme voll Feuer.

Fang an
Zu singen,
Singe,

Daß das Dunkel zurück bis zum Anfang entflammte
Wo die gefangene Zunge blind nickte,
Daß ein Stern hereinbrach
In des Kindes Jahrhunderte;
Mein Innerstes trauert und Wunder können nicht büßen.

Vergib
Uns, vergib
Uns Deinen Tod, daß mein Innerstes und die Gläubigen
Es halten können in einer großen Flut,
Bis das Blut verspritzt
Und der Staub wie ein Vogel singen wird
Durch unser Herz, wenn die Samen wehn und Dein Tod wächst.

Dein sterbendes
Weinen
Beweinend
Kind jenseits des Hahnrufs an der feuerverkohlten
Straße singen wir das fliegende Meer
Im verlassenen Leibe.
Liebe ist Verkündung des jüngsten Tages. O
Same der Söhne in der Lende der schwarzgebrannten Hülle.

II

Ich weiß nicht, ob
Adam und Eva der geschmückte heilige Stier
Das weiße Mutterlamm oder
Die erkorene Jungfrau
In ihrem Schnee auf Londons Altar geworfen
Die ersten waren, die starben
In der Schlacke des kleinen Schädels.
O Braut und Bräutigam,
O Adam und Eva, die
Zusammenruhn
Unter der traurigen Brust des steinernen Pfühls
Weiß wie das Gerippe
Des Gartens Eden.

Ich weiß, in meiner Messe
Schweigt die Legende von Adam und Eva
Keinen Augenblick
Über den toten Unmündigen
Über dem einen
Kind das Priester und Diener war
Wort Sänger und Zunge
In der Schlacke des kleinen Schädels,
Der der Schlange
Nachtbeginn war und ihr Apfel wie eine Sonne;
Mann und Weib sind getrennt
Ursprung zerfiel in Dunkel zurück
Kahl wie die Pflanzstätten
Des Gartens der Wüste.

III

In die Orgelpfeifen und Kirchtürme
Leuchtender Kathedralen
In die geschmolzenen Schnäbel der Wetterhähne
Die sich in zwölffachen Kreisen kräuseln
In die erstorbene Uhr die die Stunde verbrennt,
Über der Urne der Sabbathe
Über dem wirbelnden Graben des Tagesanbruchs
Über dem Schuppen der Sonne und der Gasse des Feuers
Und den goldenen Straßen in Totenmessen,
In das Brot eines flammenden Weizenfeldes
In den Wein der wie Branntwein glüht
In die Massen des Meers
Die Massen des Meers unter
Den Massen des schwangeren Meers:
Brich aus Fontäne und betritt um ewig
Gloria Gloria Gloria zu rufen
Das ferne äußerste Reich des Donners der Schöpfung.

TODE UND EINGÄNGE

An fast dem brennenden Abend
Vor drohenden Toden,
Als einer deiner mindestens Meistgeliebten
Und lang Bekannten sich trennt
Von Löwen und Flammen im fliehenden Atem,
Ein unsterblicher Freund,
Der aus Körnern Staub den Körper höbe,
Zu deines Lobes Klang und Schall,
Einer, der tief hinunterstieg, halte seinen Frieden,
Der nicht sinken kann noch enden,
Ewig an seine Wunde
Für viele vereint in Londons trennender Trauer.

An fast dem brennenden Abend,
Als an deinen Lippen und Riegeln
Auf und zu, die ermordeten Fremden weben,
Einer dir höchst unbekannt,
Nachbar vom Polarstern, Sonne einer anderen Straße,
Taucht dann zu seinen Tränen auf.
Er badet sein Blut in der satten See,
Der für deinen Toten ausschritt,
Und spult seine Kugel aus deinem Wasserfaden,
Füllt die Perlmutthülsen
Mit jedem Schrei, seit Licht
Vor seine donnerblinkenden Augen blitzte.

An fast dem brennenden Abend
Vor Toden und Eingängen,
Als auf Londons Wellen Wunden nah und fremd
Dein Grab allein suchen,
Ein Feind unter vielen weiß genau,
Dein Herz im gebannten Dunkel
Ist leuchtend, schimmert durch Schlösser und Ziegel,
Und zieht krachend die Bolzen,
Löscht die Sonne, taucht, steigt die dunklen Tasten,
Sengt rechte Ritter zurück,
Bis jener kaum Geliebte
Den letzten Samson deiner Sterne webt.
Quelle: Dylan Thomas: Windabgeworfenes Licht. Gedichte Englisch und Deutsch. Aus dem Englischen von Josef Pesch, Reinhard Paul Becker, Margit Peterfy. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000.