ALEXANDER UND MARGARETE MITSCHERLICH
DIE UNFÄHIGKEIT ZU TRAUERN
1967 erschien die bahnbrechende Studie Die Unfähigkeit zu trauern des Psychoanalytikerpaares Alexander und Margarete Mitscherlich über die Verdrängung der politischen Schuld und Mitschuld im Deutschland der Nachkriegszeit. Ein kleiner Auszug und eine große Lektüreempfehlung.
Trauerarbeit kann nur geleistet werden, wenn wir wissen, wovon wir uns lösen müssen; und nur durch ein langsames Ablösen von verlorenen Objektbeziehungen – solchen zu Menschen oder zu Idealen – kann die Beziehung zur Realität wie zur Vergangenheit in einer sinnvollen Weise aufrechterhalten werden. Ohne eine schmerzliche Erinnerungsarbeit wird dies nicht gelingen können, und ohne sie wirken unbewußt die alten Ideale weiter, die im Nationalsozialismus die fatale Wendung der deutschen Geschichte herbeigeführt haben.
Aber fordern wir nicht Unerfüllbares? Unser Ich war in der Vergangenheit unserem Narzißmus zu Diensten. Das narzißtische Objekt, das wir verloren haben, war in der Vorstellung von uns selbst als Herrenmenschen zentriert. Nicht der geschichtlichen Belehrung, daß dem nicht so ist, wäre also nachzutrauern. Vielmehr müßten wir die Einfühlung in uns selbst erweitern, so daß wir uns in jenen Szenen wiedererkennen, in denen 100, 500 oder 1000 Leichen vor uns lagen – Leichen von uns Getöteter. Das würde eine einfühlende, nachfühlende Anerkennung der Opfer lange nach den Schreckenszeiten bedeuten.
Psychologisch wäre es keine Unmöglichkeit, nach der Tat einzusehen, was wir im Dritten Reich taten, uns also von der narzißtischen Liebesform zur Anerkennung von Mitmenschen als Lebewesen mit gleichen Rechten weiterzuentwickeln. Diese Korrektur unseres falschen und eingeengten Bewußtseins, das Auffinden unserer Fähigkeit des Mitleidens für Menschen, die wir hinter unseren entstellenden Projektionen zuvor nie wahrgenommen haben, würde uns die Fähigkeit zu trauern zurückgeben.
Aber fordern wir nicht Unerfüllbares? Unser Ich war in der Vergangenheit unserem Narzißmus zu Diensten. Das narzißtische Objekt, das wir verloren haben, war in der Vorstellung von uns selbst als Herrenmenschen zentriert. Nicht der geschichtlichen Belehrung, daß dem nicht so ist, wäre also nachzutrauern. Vielmehr müßten wir die Einfühlung in uns selbst erweitern, so daß wir uns in jenen Szenen wiedererkennen, in denen 100, 500 oder 1000 Leichen vor uns lagen – Leichen von uns Getöteter. Das würde eine einfühlende, nachfühlende Anerkennung der Opfer lange nach den Schreckenszeiten bedeuten.
Psychologisch wäre es keine Unmöglichkeit, nach der Tat einzusehen, was wir im Dritten Reich taten, uns also von der narzißtischen Liebesform zur Anerkennung von Mitmenschen als Lebewesen mit gleichen Rechten weiterzuentwickeln. Diese Korrektur unseres falschen und eingeengten Bewußtseins, das Auffinden unserer Fähigkeit des Mitleidens für Menschen, die wir hinter unseren entstellenden Projektionen zuvor nie wahrgenommen haben, würde uns die Fähigkeit zu trauern zurückgeben.
Quelle: Alexander und Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. Piper Verlag, München 1977.
Auf dem Bild: Katja Bürkle
Foto: Matthias Horn
Foto: Matthias Horn