die unver­hei­ra­te­te

von Ewald PalmetshoferPremiere am 4. Mai 2024Schauspielhaus, Kleines HausSchauspiel

Über das Stück

April 1945. Eine junge Frau ist sehr aufgebracht. Man holt eine Militärstreife. 70 Jahre später. Die junge Frau ist jetzt eine alte Frau. Ihre Tochter findet sie in der Küche auf dem Boden. Sie ist gestürzt. Sie ist sehr aufgebracht. Man holt einen Rettungswagen. Und im Krankenhaus tagen die Ärzt:innen und die Schwestern, und vor 70 Jahren tagte ein militärisches Standgericht und ein Jahr später ein Volksgericht. Und eine junge Frau wird abgeführt. »Nicht unhübsch«, schreiben die Zeitungen, »aber reuelos.« – Und während die Tochter zum Grab des Vaters Blumen bringt, sammelt die junge Enkelin die Männer wie Schmetterlinge oder Briefmarken, sammelt der Staatsanwalt Aussage um Aussage, versammelt sich das Volk, um Gericht zu sitzen, liest man Äpfel auf vom Boden auf dem Feld und verliest der Richter sein Urteil. Und eine Tochter trauert um den Vater und ein fremder Vater um den Sohn.

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Gefängnis und Gericht, Küche, Bett und Krankenhaus untersucht Ewald Palmetshofers Drama mit einer hochartifiziellen und rhythmischen Sprache das Leben dreier Frauen. Es ist ein polymorphes Erinnern, eine Verhandlung, eine Rechtsprechung und erzählt von der ausweglosen Verstrickung dreier Generationen.

Regie führt Andreas Kriegenburg, der zu den renommiertesten Schauspiel- und Opernregisseuren zählt. Er arbeitet an den großen Bühnen in Berlin, München, Frankfurt am Main, Wien und Hamburg. Am Düsseldorfer Schauspielhaus waren zuletzt seine Inszenierung »Minna von Barnhelm« und das Open-Air-Theater »Figaros Hochzeit oder Der tolle Tag« zu sehen.

Besetzung

Die Junge (30) Pauline Kästner
Die Mittlere (50) Claudia Hübbecker
Die Alte (90) Traute Hoess
4 Schwestern (die Hundsmäuligen) Anya Fischer, Friederike Ott, Janina Sachau, Fnot Taddese
Regie und Bühne Andreas Kriegenburg
Kostüm Andrea Schraad
Licht Konstantin Sonneson
Dramaturgie Robert Koall

Dauer

2 Stunden — keine Pause
Hinweis
Inhalt
Die Inszenierung thematisiert sexuelle Gewalt.

Pressestimmen

Die Handlung eröffnet den Schauspielerinnen famose Gestaltungsräume. Traute Hoess als die Alte, seit dem Tod ihres ungeliebten Ehemanns und schon lange davor »Die Unverheiratete«, setzt auf Gefühlskälte und resolutes Auftreten, das keinerlei Reue erkennen lässt. Pauline Kästner als die burschikose Junge flüchtet sich aus der belastenden familiären Vergangenheit in diverse sexuelle Beziehungen, und Claudia Hübbecker als ihre Mutter, die Mittlere, setzt alles daran, zwischen der unsympathischen, rechthaberischen Großmutter und der nur scheinbar lebenslustigen, in Wahrheit verzweifelten Enkelin ein eigenes Profil zu entfalten. Das Publikum dankte den Schauspielern ausgiebig.
Rheinische Post, 06.05.2024
Die hervorragenden Schauspielerinnen zeigen im geradezu tragödienhaften Schauspiel, wohin es führt, wenn Schuld und Verantwortung verdrängt, wenn sie nicht aufgearbeitet worden sind. Ein anspruchsvolles Stück vom mehrfach ausgezeichneten Autor Ewald Palmetshofer, das jetzt im Schauspielhaus gefeierte Premiere hatte. Die vier »Schwestern« (begeisternd: Anya Fischer, Friederike Ott, Janina Sachau, Fnot Taddese) erinnern mit ihrem hohen Summen und ihrer Anklage auch an die Erinnyen, »die Rasenden«, der griechischen Tragödie. Langer Applaus nach gut zwei Stunden Drama mit hervorragenden Schauspielerinnen.
Neue Düsseldorfer Online Zeitung, 05.05.2024