Nahrungsknappheit, rasende Inflation, Kulturkriege, echte Kriege, Rassenunruhen, fake news, Aufstände, Pandemien ... und zu allem Übel auch noch ein Planet, der buchstäblich wegschmilzt. Mann, Fuck ... die Neunziger waren fantastisch.
Den Klimawandel und die ökologische Krise hat das Theater in den letzten Jahren immer wieder mit Stücken aus der Sicht von Bäumen oder bedrohten Kleinlebewesen zu thematisieren versucht. Völlig undenkbar hingegen schien, aus den komplizierten Mechanismen der Entscheidungsfindung auf unübersichtlichen Klimakonferenzen einen spannenden Theaterabend zu gewinnen. Robertson/Murphys Stück Kyoto aus dem Jahr 2024 gelingt genau das: Aus der Sicht eines mit allen Wassern gewaschenen Öl-Lobbyisten wird der Weg zum ersten internationalen Klimaabkommen, dem Kyoto-Protokoll, erzählt – mit hohem Tempo, viel Witz und doch nah an den historischen Geschehnissen und Konflikten. Don Pearlman stemmt sich mit lauteren und unlauteren Tricks und Kniffen gegen das historisch Notwendige, weil er um jeden Preis erhalten will, was er als Bewohner des wohlhabenden Westens gewohnt ist. „Gegenwartsverlängerung“ nennt der Soziologe Philipp Staab dieses Bedürfnis, das mittlerweile weite Teile politischer Entscheidungen beherrscht und vielfach den Blick dafür verstellt, dass man verändern muss, was man erhalten will. Mit dem „Kyoto-Protokoll“ wird vor 30 Jahren eine historische Einigung im Kampf gegen den Klimawandel erreicht, wie sie heute in weite Ferne gerückt ist. Kyoto erinnert somit eindringlich an die Möglichkeit, Interessenkonflikte auf internationaler Ebene durch Diplomatie und das gemeinsame Ringen um Kompromisse zu lösen.
KYOTO
von Joe Murphy und Joe Robertson
Deutsche Erstaufführung im Juni 2027
Schauspielhaus, Kleines Haus
Schauspiel