Ich bin dir zuvorgekommen, weil ich die Stärkere bin. Weil ich mehr Mut habe als du und mehr Feuer im Leib. Unter diesem Dach habe ich dem Tod in die Augen gesehen und bin ausgezogen, um mir zu holen, was mir gehört.
Bernarda Alba, die tyrannische Matriarchin eines Haushalts voller Frauen, verhängt nach dem Tod ihres zweiten Mannes eine achtjährige Trauerzeit mit Ausgangssperre über ihre erwachsenen Töchter. Sie kontrolliert jeden Kontakt zur Außenwelt, sanktioniert die kleinste Abweichung mit roher Gewalt und erlaubt dennoch der ältesten Tochter eine Verlobung – eine unzumutbare Ausnahme, die die Spannungen im Haus noch zuspitzt.

Mit Tragödie von den Frauen in den Dörfern Spaniens untertitelt Federico García Lorca das Stück und stellt uns damit vor die Aufgabe, diese Geschichte nicht als spezifisch, sondern als repräsentativ zu verstehen. Die Komplexität der widersprüchlichen gesellschaftlichen Strukturen ist im Schicksal der einzelnen Figur gebündelt. Im Angesicht des Faschismus greift der Autor einem modernen Diskurs vor und offenbart das Private als politisch. Zugleich fordert er, „die folgenden drei Akte als fotografisch genaue Dokumentation zu verstehen“, und macht deutlich, dass hier nicht die Geschichte einer außergewöhnlich sadistischen Mutterfigur erzählt wird, sondern ein Abbild der Realität entsteht. So verschiebt sich auch unsere Perspektive auf die Handlung: Können wir ein solches Verhalten nicht als Ausnahme, sondern als Ausdruck zeitgeschichtlicher Verhältnisse lesen? Und was bedeutet es, eine Figur wie Bernarda aus heutigen moralischen Maßstäben heraus verstehen zu wollen?

Die Regisseurin Lucia Bihler, deren Inszenierungen präzise Choreografien und vielschichtige visuelle Kompositionen auszeichnen, legt den Fokus ihrer inhaltlichen Arbeit auf das Sezieren von Machtverhältnissen. Dabei verzichtet sie auf die Auflösung von Widersprüchen und ermöglicht dem Publikum, die Figuren im Spannungsfeld zwischen Unterwerfung und Selbstbehauptung zu sehen.
BERNARDA ALBAS HAUS
von Alice Birch
nach Federico García Lorca
Premiere am 24. September 2026
Schauspielhaus, Großes Haus
Schauspiel

Besetzung

Regie Lucia Bihler
Bühne Pia Mackert
Kostüm Victoria Behr
Musik Jakob Suske
Dramaturgie Natalja Starosta