nachtkritik.de
Lukas Pohlmann, 20.03.2016
»Die Mitglieder des Ensembles bieten ein Panoptikum der Spielereien und Narrheiten. Wie Zügellose, die ihres Standes wegen keiner Norm folgen müssen und sich jeder Torheit hingeben können. Schließlich kommt die Realität spät und ohne Knall wohltuend frei von Aktualisierungswut. [...] Wer braucht schon Realität, sagt dieser starke Abend, um von der Wirklichkeit zu erzählen.«
»Als sich der Eiserne hebt, wird der Blick frei auf das setzkastenähnliche Innere des Schiffs. Zwischen niedrigem Unterdeck, Salon und Oberdeck lässt sich gut irren und verstecken, einander verfolgen und verfehlen – und das Ensemble lässt sich nicht lumpen. André Kaczmarczyk sucht als herrliche Diven-Persiflage Ildebranda im schwarzen Kleid nach dem Geheimnis von Edmeas Stimme und verzehrt sich als deren größter Verehrer nach der Verstorbenen. Opernintendant Dongby (Thomas Eisen) möchte die erotischen Ausflüge seiner aufreizenden Frau Lady Violet (Yohanna Schwertfeger) gern verurteilen, ist aber zu versessen darauf, jedes Detail ihrer Affären zu erfahren. Kilian Land spürt als Stummfilmkomiker im Watschelgang zauberhaft den Gesten der großen Pantomimen nach. Gemeinsam mit den anderen gleichwertigen Mitgliedern des Ensembles bieten sie ein Panoptikum der Spielereien und Narrheiten. Wie Zügellose, die ihres Standes wegen keiner Norm folgen müssen und sich jeder Torheit hingeben können. Schließlich kommt die Realität spät und ohne Knall wohltuend frei von Aktualisierungswut. Dann stehen elf Mädchen und Jungen im Grundschulalter in blauen Kleidchen und Hosen als serbische Flüchtlinge auf dem Unterdeck. Ganz still und leise. Und das ist schon gruselig-analogisch: Sie sind da, als hätte sie niemand kommen sehen, stellen keine Forderungen, klammern sich hilfesuchend an den Erstbesten und schaffen unter den Passagieren verunsicherte Überforderung. Plötzlich sind sie zu hören, die Ressentiments der Bessergestellten. Aber nur kurz. Dann ist das gegnerische Kriegsschiff schussbereit. Die Kinder bekommen Schwimmwesten, die Trauernden dürfen noch die Asche verstreuen – zu Kyrie Eleison auf die Melodie der Ode an die Freude. Dann macht es Bumm-Bumm. So muss sich die feine Gesellschaft mit den Flüchtlingen nicht länger beschäftigen – ein Umstand, den sich zurzeit wohl viele wünschen. Die Passagiere der ›Gloria N.‹ singen lieber im Untergehen: E la nave va – Und das Schiff fährt weiter. Wer braucht schon Realität, sagt dieser starke Abend, um von der Wirklichkeit zu erzählen.«

Rheinische Post
Annette Bosetti, 21.10.2016
»Allein die Schönheit der Kunst ist anzubeten - andererseits wird die Lächerlichkeit der Welt ausgestellt. Menschen handeln wie Karikaturen ihrer selbst. So lässt sich das ungewöhnliche 90-Minutenstück vor allem als absurde Liebeserklärung an das Theater lesen.«

mdr Figaro
Stefan Petraschewsky, 21.03.2016
»Diese märchenhafte, sehr poetische Inszenierung ist vor allem eine Liebeserklärung an das Theater und seine Möglichkeiten.«
»Diese märchenhafte, sehr poetische Inszenierung ist vor allem eine Liebeserklärung an das Theater und seine Möglichkeiten – da durfte zum Abschied der Sternenhimmel leuchten – und der Vollmond aufgehen – und es war unglaublich viel Musik: fast war das eine Oper – fast immer gab es Klavierbegleitung und dazu noch eine Geräusch- und Soundspur aus dem Computer – und es gab ein Leitmotiv: Puccinis ‚Tosca‘– die Arie des Cavaradossi – phantastisch improvisiert, zerlegt und wieder neu zusammengefügt – von einem singenden Schauspielensemble gut gestaltet – also ein Bilder- und ein Musiktheater – mit kleinen schauspielerischen Kabinettstückchen – und dadurch wurde das alles sehr leicht, sehr schwebend – und so wurde es wirklich ein angemessener Abschied.«

Dresdner Neueste Nachrichten
Tomas Petzold, 21.03.2016
»Gehler huldigt nicht nur einer hintergründigen Poesie, er hat dabei auch in Gelassenheit eine seltsam berührende Form, das heißt zu einem poesievoll gelassenen Sarkasmus gefunden, um gesellschaftlichen Realitätsverlust zu versinnbildlichen.«
»Die letzte Premiere der Amtszeit von Intendant Wilfried Schulz im Dresdner Schauspielhaus. Sie ist Abschied und Hommage – an den Film, an das Theater, an Federico Fellini und seinen tief verstehenden Blick auf die kleinen Eitelkeiten und großen Irrungen des Menschengeschlechts. So etwa hat Jan Gehler in seiner jüngsten Inszenierung ›Das Schiff der Träume‹ gedeutet. Seine sehr bildmächtige, musikalisch eindrucksvolle, dabei fast rührend minimalistische Fassung lässt er ablaufen wie auf einem altersschwachen Projektor. Klänge und Farben sind ebenso wichtig wie Worte, die man versteht, auch wenn anfangs italienisch gesprochen wird. Das alles ist nicht als Klamauk, sondern mit subtiler Komik in einem fantasievoll historisierenden Rahmen inszeniert (Bühne: Sabrina Rox, Kostüme: Irène Favre de Lucascaz). Gehler huldigt nicht nur einer hintergründigen Poesie, er hat dabei auch in Gelassenheit eine seltsam berührende Form, das heißt zu einem poesievoll gelassenen Sarkasmus gefunden, um gesellschaftlichen Realitätsverlust zu versinnbildlichen.«

Westdeutsche Zeitung
Marion Troja, 21.10.2016
»Die Schauspieler sind ein Erlebnis [...] In ihren etwas verrutschten Roben zelebrieren diese Menschen eine groteske, längst verlorene Existenz, ohne dass sich die Darsteller in gespielten Albernheiten verlieren.«

Dresdner Morgenpost
Jörg Schneider, 21.03.2016
»Bis ins Groteske ironisiert, lassen die Darsteller ihre Figuren deren Eitelkeiten und Egoismen ausleben: singend, streitend, buhlend.«
»Was Fellini mit einer Personage von über 100 Darstellern in 128 Minuten bewerkstelligte, hat Gehler in unterhaltsame 90 Minuten gepackt und auf neun Darsteller fokussiert. Bis ins Groteske ironisiert, lassen die Darsteller ihre Figuren deren Eitelkeiten und Egoismen ausleben: singend, streitend, buhlend […] Große Szenen bieten André Kaczmarczyk als übersensible Sopranistin Cuffari, Kilian Land als Stummfilmkomiker Ricotin mit Charlie-Chaplin-Touch oder Yohanna Schwertfeger als notgeile Gattin des Generalintendanten. Berühmte Filmszenen, wie das Glasflaschenkonzert in der Schiffskombüse, die Hypnose eines Huhns (Kilian Land) mittels Gesang (Anna-Katharina Muck als Mezzo Saltini), finden ihre gelungene Entsprechung auf der Bühne. Cinemascopereife Bilder machen diese Welt der Illusion, die zuletzt mit dem Schiff untergeht, komplett.«

Sächsische Zeitung
Rafael Barth, 21.03.2016
»Jan Gehler nimmt die opulente Filmvorlage Federico Fellinis aus dem Jahr 1983 und breitet einen bildstarken Reigen aus.«
»Glanzvoll legt ›Das Schiff der Träume‹ am Dresdner Staatsschauspiel ab. Jan Gehler nimmt die opulente Filmvorlage Federico Fellinis aus dem Jahr 1983 und breitet einen bildstarken Reigen aus. André Kaczmarczyk lud in anderen Inszenierungen seine Figuren androgyn auf, hier nun ist er ganz Diva. Mit galant gelegtem Haar und Schleier, im rückenfreien Kleid oder Spitzenoberteil stolziert seine Sopranistin Ildebranda übers Deck, erpicht darauf, die nächste große Operndiva zu werden, und jederzeit bereit zum Schmollen. Wie viel Ehrgeiz, Gift, Witz sich hier mischen in einer einzigen Figur, das ist wunderbar.«

Besetzung

Sir Reginald Dongby, GeneralintendantTorben Kessler
Lady Violet, Sir Reginald Dongbys FrauYohanna Schwertfeger
Ricotin, Stummfilmkomiker / KochKilian Land
Aureliano Fuciletto, TenorJan Maak
Ines Ruffo Saltini, MezzosopranistinClaudia Hübbecker
Ildebranda Cuffari, Sopranistin / Conte di BassanoAndré Kaczmarczyk
Großherzog / GeistlicherJonas Friedrich Leonhardi
Prinzessin Lerinia, Schwester des Großherzogs / KöchinLou Strenger
KapitänSven Kaiser
KostümIrène Favre de Lucascaz
MusikSven Kaiser
DramaturgieBeret Evensen

Dauer

1 Stunde, 30 Minuten — keine Pause